Gesundheitsförderung Suchtprävention am Arbeitsplatz

Das kleine Gläschen Sekt zum Vertragsabschluss, die Schlaftablette, um nach einer Nachtschicht schlafen zu können – ab wann ist man eigentlich süchtig? Kann sich unser Arbeitsumfeld auf unser Konsumverhalten auswirken? Wieso Suchtprävention am Arbeitsplatz immer noch eine hohe Relevanz hat, erfährst du hier.

  • 17.06.2022
  • Vivien Hahn

Sucht am Arbeitsplatz ist ein sensibles Thema. Dennoch ist es heute immer noch relevanter, als viele vermuten. Um deine Mitarbeitenden zu schützen und sie nach allen Möglichkeiten zu unterstützen, solltest du die Anzeichen für eine Suchterkrankung kennen und wissen, wie du helfen kannst. Am besten ist es natürlich, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Hierfür ist eine sinnvolle Suchtprävention im Unternehmen unerlässlich. Wie das ablaufen könnte und was es sonst noch zu dem Thema zu erfahren gibt, liest du hier.

Das erfährst du in diesem Beitrag:

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Wie werden Sucht und Abhängigkeit definiert?

Unter Sucht versteht man ein bestimmtes Verhaltensmuster, das mit einem unwiderstehlichen, wachsenden Verlangen nach bestimmten Gefühls- und Erlebniszuständen beschrieben wird. Umgangssprachlich werden die Begriffe Sucht und Abhängigkeit oft mit derselben Bedeutung verwendet. In Fachkreisen bezeichnet eine Abhängigkeit alles, was stoffgebunden ist, wie beispielsweise eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Eine Sucht kann sich hingegen auch auf Verhaltensweisen beziehen, wie zum Beispiel eine Kaufsucht.

Die Kennzeichen einer Abhängigkeit:

  • Es besteht ein unwiderstehlicher Drang nach dem Suchtmittel.
  • Andere Bedürfnisse, Interessen und Verpflichtungen treten hinter diesem Drang zurück.
  • Es fällt schwer, gefasste Vorsätze in Bezug auf Menge und Häufigkeit des Substanzkonsums einzuhalten.
  • Mittel- bis langfristig entstehen gesundheitliche, berufliche und/oder soziale Probleme.
  • Zunahme des Konsums, ohne dass die Wirkung der Substanz zunimmt (Resistenzentwicklung).
  • Einige Substanzen (insbesondere Alkohol, Benzodiazepine, Opiate) können körperliche Entzugssymptome verursachen: Typischerweise sind das Schwitzen, Zittern, Schmerzen, Herzrasen, starke Blutdruckschwankungen, oft verbunden mit Angstzuständen und Schlafstörungen.

Wenn drei oder mehr dieser Kriterien erfüllt sind, spricht man von einer Abhängigkeit. Gerade in der Arbeitswelt kommen Süchte vermehrt vor.
Eine Abhängigkeit entwickelt sich häufig schleichend und von Betroffenen erst unbemerkt. Daher ist es wichtig, deine Mitarbeitenden frühzeitig für Suchtrisiken zu sensibilisieren und eine Sucht oder Abhängigkeit so hoffentlich zu verhindern.

Welche Süchte gibt es überhaupt?

In Deutschland spielen die verschiedensten Süchte und Abhängigkeiten eine Rolle. Eine Sucht kann im Grunde in jeder Form und nach jedem Produkt eintreten. Trotzdem gibt es einige Stoffe, die besonders häufig und schnell süchtig machen. Die verbreitetsten Suchtmittel sind Tabak, Alkohol und Medikamente.

Stoffgebundene Suchtformen: Suchtmittelkonsum

Bei Stoffgebundenen Suchtmitteln gibt es eine süchtig machende Substanz, die auf das Gehirn auf bestimmte Art und Weise einwirkt. Dies kann beispielsweise beruhigend oder stimulierend sein:

Nikotin/ Tabak

Das Rauchen von Tabak aller Art enthält den Suchstoff Nikotin. Aber auch Liquids für die E-Zigaretten, rauchlose Tabakformen (Mundtabak) sowie Schnupftabak, enthalten den Suchtstoff. Rauchen hat im Vergleich zu anderen Suchtmitteln weniger Auswirkungen auf die Arbeitsleistung oder Sicherheit. Dennoch besteht hier eine erhebliche Gefährdung für die physische und psychische Gesundheit.

Rauchen gehört zu dem größten vermeidbaren Gesundheitsrisiko. In den meisten Fällen nimmt die Rate der nicht rauchenden Menschen zu und die Anzahl der gerauchten Zigaretten ab, wenn das Rauchen bei der Arbeit nicht mehr ohne weiteres möglich ist.

Alkohol

Der leichtfertige Umgang mit Alkohol oder alkoholisieren Beschäftigten ist das am häufigsten auftretende Suchtthema in der Arbeitswelt. Der Konsum von Alkohol hat in Deutschland eine lange Historie und wird in vielen Unternehmen bis zu einem gewissen Grad immer noch wie selbstverständlich geduldet.

Alkoholsucht Symptome

  • „Alkoholfahne“,
  • Rötung der Augen, Bindehäute und des Gesichts,
  • Unsicheres/breitbeiniges Gangbild, unsichere Bewegungsabläufe,
  • Verwaschene Sprache,
  • Zittern von Augenlidern oder Händen/Fingern,
  • Appetitlosigkeit,
  • Magen-Darm-Beschwerden unterschiedlicher Art,
  • Hang zum Schwitzen,
  • depressive Verstimmungen,
  • Schlaflosigkeit,
  • erhöhte Reizbarkeit,
  • Stimmungsschwankungen,
  • gesteigerte Emotionalität (Rührseligkeit),
  • verstärkte Unzuverlässigkeit,
  • sozialer Rückzug.

Die Wirkung von Alkohol auf die Leistungsfähigkeit

  • positive Wirkung: hebt die Stimmung, entspannt, wirkt anregend und angstlösend.
  • negative Wirkung: Wahrnehmungsstörungen, Koordinationsstörungen, Gedächtnislücken, verlangsamte Reaktionen, Aggressionen, Übelkeit, Kopfschmerzen, erhöhte Unfallgefahr, Alkoholvergiftung, Herzrhythmusstörungen, Koma.
  • Seelische Spätfolgen: Depressionen, Angststörungen. Körperliche Langzeitfolgen: Herzerkrankungen, Schlaganfall, erhöhter Blutdruck, Demenz, Leberschäden, verschiedene Krebserkrankungen, Störungen und Schäden im Verdauungstrakt, Nervenschäden, lebensbedrohliche Blutungen.
Viele Menschen nutzen Medikamente, um sich zu beruhigen oder um die kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern.©  Shutterstock, goffkein.pro
Viele Menschen nutzen Medikamente, um sich zu beruhigen oder um die kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern. © Shutterstock, goffkein.pro

Medikamente mit Indikation

Von Medikamenten mit Indikation spricht man, wenn es sich um verschriebene oder frei verkäufliche Medikamente handelt, welche nach bestimmten Dosierungen eingenommen werden.

Benzodiazepine (Beruhigungsmittel)

Als Rauschmittel sind die Benzodiazepine sehr beliebt, da sie dem Nutzer bei einer hohen Dosis ein Gefühl von Sorglosigkeit vermitteln können. Das Medikament wirkt angstlösend und beruhigend. Es vermittelt bei Einnahme innerhalb kürzester Zeit ein Gefühl als wäre man in Watte gepackt. Dieses Gefühl entsteht dadurch, dass das Medikament dämpfend auf das zentrale Nervensystem wirkt und Reize dort nur noch vermindert übertragen werden.

Nasenspray-Sucht

Nasenspraysüchtige wollen mit der Medikation keine berauschende Wirkung erzielen. Hier geht es darum, die Schleimhäute abschwellen zu lassen und die Nase frei zu bekommen. Viele haben Angst, ohne Spray keine Luft mehr zu bekommen und trauen sich oft nicht, ohne Nasenspray-Benutzung schlafen zu gehen. Daher ist die eigentliche Sucht hierbei, die Angst.

Ein Missbrauchspotential haben alle Medikamente, die eine beruhigende, eine stimmungsaufhellende oder eine stimulierende Wirkung auf den Menschen haben. Viele starke Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antiepileptika wirken sich auf die Fähigkeit zum Autofahren oder zum Bedienen von Maschinen aus.

Medikamente ohne Indikation

Dies sind Medikamente, die außerhalb der Zulassung verwendet werden. Normalerweise werden Medikamente nur für eine bestimmte Indikation, bei bestimmten Symptomen, zugelassen. Beim sogenannten Off-Label-Use wird ein Medikament missbräuchlich verwendet und dient einem anderen Zweck als dem eigentlichen.

Hirndoping

Als Hirndoping wird der Einsatz von Medikamenten zur geistigen Leistungsförderung von eigentlich gesunden Menschen bezeichnet. Durch die Einnahme dieser leistungsfördernden Mittel erhoffen sich Konsumierende besser mit mentalen und leistungsorientierten Belastungen im Arbeitsalltag fertig zu werden. Auch zum Lernen oder für Prüfungen werden diese Medikamente missbräuchlich eingesetzt.

Präparate wie Ritalin oder Modafinil erhöhen die kognitive Leistungsfähigkeit. Sie machen wacher, konzentrierter und verbessern das Gedächtnis. Diese sogenannten Neuro-Enhancer sind die klassische Managerdroge, die laut Studien am häufigsten eingesetzt werden.

Illegale Drogen

Als illegale Drogen bezeichnet man alle Stoffe, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Dazu gehören zum Beispiel Cannabis, Kokain, Amphetamine oder Opiate. Mögliche Auffälligkeiten bei aufputschenden Drogen wie z. B. Amphetamine oder Kokain können Aggressivität, Gereiztheit oder geweitete Pupillen sein. Sedierende Drogen wie zum Beispiel Cannabis und Opiate erzeugen eine Reaktionsverlangsamung, teilweise enge Pupillen oder bei Cannabis häufig gerötete Augenbindehäute. Bei diesen Stoffen besteht ein erhöhtes Unfallrisiko im Verkehr und beim Bedienen von Maschinen.

Auch Verhaltenssüchte wie eine Essstörung oder eine Arbeitssucht können bei deinen Mitarbeitenden auftreten. © Shutterstock, Nicoleta Ionescu
Auch Verhaltenssüchte wie eine Essstörung oder eine Arbeitssucht können bei deinen Mitarbeitenden auftreten.© Shutterstock, Nicoleta Ionescu

Stoffungebundene Suchtformen: Verhaltenssüchte

Von stoffungebundenen Süchten spricht man, wenn Verhaltensweisen zwanghaft ausgeführt werden. Es entstehen im Gehirn dabei ähnliche Belohnungseffekte wie bei der Einnahme von stoffgebundenen Drogen.

Pathologisches Glücksspiel

Glücksspiel oder auch Online-Glücksspiel sind in Deutschland eine weit verbreitete Sucht. Von Glücksspiel ist die Rede, wenn um Geld gespielt wird und der Gewinn überwiegend vom Zufall abhängt. Als glücksspielsüchtig gilt, wer Häufigkeit und Intensität des Spielens nicht mehr kontrollieren kann und sich gedanklich übermäßig mit dem Spielen beschäftigt. Die Folgen von Glücksspielsucht sind eine hohe Verschuldung, zerrüttete Familienverhältnisse und Depressionen. Viele Süchtige versuchen sich von Freunden oder Bekannten Geld zu leihen, um ihre Sucht ausüben zu können. Durch Online-Glücksspiele haben Betroffene einen leichteren Zugang zu Spielen.

Pathologischer Internetgebrauch (Onlinesucht)

Vom pathologischen Internetgebrauch spricht man, wenn Betroffene ihren Onlinekonsum nicht mehr unter Kontrolle haben und gravierende Folgen aufgetreten sind. Die virtuelle Welt bekommt mehr Bedeutung als die oft bedrückend oder frustrierend erlebte Realität. Bei der Onlinesucht steht die Nutzung des Internets im Vordergrund. Einen besonders breiten Raum nimmt dabei die Online-Computerspielsucht ein, das heißt die Abhängigkeit von im Internet angebotenen und dort gespielten Onlinespielen.

Workaholics (Arbeitssucht)

Arbeitssucht findet in unserer rasanten und schnelllebigen Zeit immer mehr Auffälligkeit. Workaholics können ohne ihre Arbeit nicht zurechtkommen und legen dabei einen überdurchschnittlichen Drang an Perfektionismus und zwanghaftem Arbeiten zutage. Sie bleiben oft stundenlang im Büro und wollen oder können nicht mit der Arbeit aufhören. Diese nimmt immer mehr Raum im Leben ein, bis nichts anderes mehr übrig bleibt. Sie können keine Grenze mehr zwischen Beruf und Leben ziehen. Es besteht ein erhöhtes Risiko, für eine Arbeitssucht, wenn ein Mensch die Arbeit als stark belastend und wenig erfüllend sieht. Aber auch das verdichtete Arbeiten, wie etwa im Homeoffice oder das Gefühl ständig erreichbar sein zu müssen, können diese Sucht fördern. Ebenfalls sind das Erstreben von Macht und Geld mögliche Trigger für eine Arbeitssucht.

Essstörungen

Unter dem Begriff Essstörung fallen hauptsächlich drei verschiedene Krankheitsbilder:

  • Magersucht (Aorexie)
  • Ess-Brechsucht (Bulimie)
  • Suchtartige Heißhungerattacken (Binge-Eating-Disorder)

Essstörungen lassen sich auf verschiedene Auslöser zurückführen. Genetische Faktoren können eine Esssucht begünstigen, aber auch Hormone und Botenstoffe spielen eine Rolle. Zusätzlich kommen die körperlichen Eigenschaften. Ein besonders belastender Faktor kann auch das soziokulturelle Umfeld sein.

In unserer Gesellschaft und vor allem den sozialen Medien wird ein bestimmtes Schönheitsideal vorgeschrieben. Auf Instagram, YouTube oder Facebook sind Themen wie Ernährung, Schönheit, Fitness und Körpergewicht ständig präsent. Der Wunsch einen perfekten Körper zu haben und dadurch zu mehr Anerkennung zu kommen, kann Menschen dazu bringen, in eine Esssucht zu verfallen.

Dabei kommen Magersucht und suchtartige Heißhungerattacken, wie auch das Frustessen häufig vor. Grade, wenn Personen unter Stress, Leistungs- oder Geltungsdruck stehen, wie es in der Arbeitswelt oft der Fall ist, kann die Krankheit ausgelöst werden.

In Deutschland spielen verschiedene Süchte eine große Rolle. Hier eine Übersicht der verschiedenen Zahlen und Fakten.

Welches sind die häufigsten Süchte in Deutschland?

Drogen und Suchtmittel verursachen in Deutschland starke gesundheitliche, soziale und volkswirtschaftliche Probleme. Das Bundesministerium gibt an, dass knapp 12 Millionen Menschen in Deutschland rauchen. Rund 13,3 % aller Todesfälle 2018 in Deutschland lassen sich auf die Folgen des Rauchens zurückführen. Während der Corona-Pandemie haben sich die Zahlen von risikoreichem Suchtverhalten noch einmal erhöht.

1,6 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gelten als alkoholabhängig. 6,7 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in riskanter Menge. Insgesamt summiert sich der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von alkoholischen Getränken im Jahr 2020 auf rund 123,8 Liter. Damit gehört Deutschland nach wie vor zu den Hochkonsumländern.

Aber auch die Medikamentenabhängigkeit ist in Deutschland hoch. Schätzungen zu Folge sind etwa 2,3 Millionen Menschen in Deutschland von Medikamenten abhängig. Dabei bilden die Spitzenreiter Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie opioidhaltige Schmerzmittel. Auch Psychopharmaka werden häufig verschrieben und können zu einer Abhängigkeit führen.

500.000 Menschen weisen ein riskantes oder pathologisches Glücksspielverhalten auf und 560.000 gelten als onlinesüchtig aufgrund von exzessiver Internetnutzung. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland. Nach Hochrechnungen des Epidemiologischen Suchtsurveys aus dem Jahr 2018 sind 309.000 Personen in Deutschland abhängig von Cannabis.

Eine Kokainabhängigkeit lag zu der Zeit bei 41.000 und eine Amphetaminabhängigkeit bei 103.000 Personen vor. Gerade bei Jüngeren erlangen illegale Drogen immer mehr Beliebtheit. Aber auch in der Geschäftswelt wird der Konsum von Kokain oder anderen illegalen Drogen verharmlost.

Welche Anzeichen gibt es für eine Sucht bzw. eine Abhängigkeit?

Viele Süchtige verheimlichen oder verstecken ihren Konsum. Oft bemerken Angehörige oder Kolleg*innen auch erst bei schon fortgeschrittener Abhängigkeit, dass Hilfe oder Handlungsbedarf erforderlich ist. Einige Anzeichen sollte man sich daher merken, welche auf eine Sucht hindeuten könnten:

  • verminderte Arbeitsleistung infolge von Konzentrationsschwächen,
  • verminderter Reaktionsfähigkeit,
  • vermehrte Unpünktlichkeit,
  • erhöhte Unfallgefahr durch Konzentrationsschwäche,
  • verminderte Reaktionsfähigkeit,
  • Zunahme der krankheitsbedingten Fehlzeiten.

Arbeitgeber*innen unterliegen einer Fürsorgepflicht. Das bedeutet, sollte der Verdacht auf eine Abhängigkeit und ein damit entstandenes Gesundheits- und Arbeitsrisiko für den Betroffenen bestehen, gehört es zu deinen Aufgaben, dies anzusprechen. Dabei ist es besonders wichtig, sensibel und vor allem nicht beschuldigend im Gespräch zu werden.

Schon 0,2 Promille können bei gesunden Menschen Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Risikobereitschaft beeinflussen. © Shutterstock, worawit_j
Schon 0,2 Promille können bei gesunden Menschen Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Risikobereitschaft beeinflussen. © Shutterstock, worawit_j

Ab wann ist jemand arbeitsunfähig?

Das Arbeitsschutzgesetz und die DGUV Vorschrift 1, die Unfallverhütungsvorschrift legen für das Verhalten im Betrieb einige Vorschriften fest. Sie sind dazu dar, für die Sicherheit und Gesundheit aller Mitarbeitenden zu sorgen und Arbeitsunfälle weitestgehend zu verhindern. Auch für suchtmittelkranke Beschäftigte sind hier Vorschriften festgelegt. § 15 Abs. 1 und § 16 des Arbeitsschutzgesetzes lautet:

Die Beschäftigten sind verpflichtet:

  • „gemäß der Unterweisung und der Weisung des Arbeitgebers für ihre Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit Sorge zu tragen.
  • für die Sicherheit und Gesundheit der Personen zu sorgen, die von ihren Handlungen oder Unterlassungen bei der Arbeit betroffen sind.
  • jede von ihnen festgestellte unmittelbare erhebliche Gefahr (…) unverzüglich zu melden.
  • den Arbeitgeber darin zu unterstützen, die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit zu gewährleisten (…).“

In der DGUV Vorschrift 1 heißt es: 

  • Versicherte dürfen sich durch den Konsum von Alkohol, Drogen oder anderen berauschenden Mitteln nicht in einen Zustand versetzen, durch den sie sich selbst oder andere gefährden können (§ 15 Abs. 2).
  • Das gilt auch für die Einnahme von Medikamenten (§ 15 Abs. 3).

Beschäftigte, die erkennbar nicht in der Lage sind, eine Tätigkeit ohne Gefahr für sich und andere auszuführen, dürfen von Arbeitgeberinnen nicht mit dieser Arbeit beschäftigt werden. Aber nicht immer merkt der Arbeitgeberin, dass eine Beeinträchtigung vorliegt.

Außerdem sollte immer beachtet werden, dass Stoffe auf jeden individuell unterschiedlich wirken können. Einige sind nach zwei Gläsern Sekt vielleicht noch arbeitsfähig, andere wiederum nicht. Zwischen 15 und 30 % aller Arbeitsunfälle passieren unter Alkoholeinfluss. Schätzungen zur Folge ist Alkohol zumindest eine Mitursache bei etwa jedem zweiten Arbeitsunfall. Alkoholkranke gefährden sich und ihre Kolleg*innen und können im schlimmsten Fall eine Produktion stilllegen.

Schon 0,2 Promille können bei gesunden Menschen Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Risikobereitschaft beeinflussen. Das betrifft nicht nur alkoholkranke Personen. Ist Alkohol die Unfallursache, kann dies für die Verursachenden unangenehme arbeits-, straf- und zivilrechtliche Konsequenzen haben, wie zum Beispiel den Verlust des Unfallversicherungsschutzes, Haftung oder ein Verlust der Lohnfortzahlung.

Viel Stress, Leistungsdruck oder Überforderung im Unternehmen kann Mitarbeitende zu einem ungesunden Verhalten bewegen. © Shutterstock, goffkein.pro
Viel Stress, Leistungsdruck oder Überforderung im Unternehmen kann Mitarbeitende zu einem ungesunden Verhalten bewegen. © Shutterstock, Andrey_Popov

Welche Faktoren innerhalb der Arbeitsstätte können das Suchtrisiko fördern?

Wieso sich eine Abhängigkeit oder Sucht kristallisiert, kann verschiedene Ursachen haben. Studien zur Folge ist eine Abhängigkeit zu 50 % auf genetische Faktoren und zu 50 % auf Umwelteinflüsse zurückzuführen. Was viele immer wieder vergessen: Sucht ist eine Krankheit, die wie jede andere Krankheit auch behandelt werden muss. Man sollte daher niemals einen Suchtkranken in eine Schublade stecken oder selbst für die Abhängigkeit verantwortlich machen. Denn auch verschiedene Außeneinwirkungen können zu einem ersten Schritt in Richtung Abhängigkeit führen.

  • Mobbing,
  • Stress,
  • Leistungsdruck,
  • Überforderung,
  • Schichtarbeit,
  • Trauer,

sind alles Faktoren, die Menschen in eine Abhängigkeit treiben können.

Medikamentenmissbrauch beruht häufig auf körperlichen Beschwerden und psychosomatischen Störungen. Diese Beschwerden entstehen oft durch Arbeits- und Lebensbedingungen wie Zeitdruck, emotionale Belastung und Isolation. Auch die Corona-Pandemie ist an vielen Menschen nicht ohne Spuren vorbeigezogen. Gerade wenn die Arbeitsbelastung im Unternehmen steigt, erscheint vielen Menschen der Griff zu beruhigenden oder leistungssteigernden Mitteln als verlockender Ausweg.

Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz

Unsere Gesellschaft ist von Suchtmittelmissbrauch und Verhaltenssüchten geprägt. Jedes Unternehmen kann jedoch für sich festlegen, wie der Umgang mit diesen während der Arbeitszeit geregelt werden soll. Suchtprävention ist ein wichtiger Bestandteil der Unternehmenskultur, um die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern.

Werden von Unternehmen Maßnahmen, die der Prävention und Intervention dienen, erfolgreich umgesetzt, kann ein Gesundheitsrisiko durch Suchtmittelkonsum langfristig verringert werden. Eine Intervention sollte dann stattfinden, wenn Symptome auffällig werden und eine Erkrankung vermutet wird. Dabei sollten Arbeitgeber*innen sich niemals auf therapeutischer Ebene bewegen.

Methoden der Intervention:

  • Beratung der Betroffenen,
  • Vermittlung von Hilfemöglichkeiten,
  • Mitarbeitergespräche,
  • Vorgesetztenschulung,
  • konstruktiver Druck,
  • Disziplinarmaßnahmen,
  • Nachsorgegruppen,
  • Alkohol- oder Drogentests.
Mit verschiednen Methoden zur Suchtprävention kann man Mitarbeitende aufklären. Shutterstock, Es gibt verschiedene Methoden der Suchtprävention. Zum Beispiel können Kurse zur Raucherentwöhnung im Unternehmen veranstaltet werden. Shutterstock, Gorynvd
Es gibt verschiedene Methoden der Suchtprävention. Zum Beispiel können Kurse zur Raucherentwöhnung im Unternehmen veranstaltet werden. Shutterstock, Gorynvd

Alkoholverbot im Betrieb?

Bevor ein absolutes Alkoholverbot im Betrieb ausgesprochen wird, sollte geklärt sein, ob sich das tatsächlich durchsetzen lässt. Ist der Widerstand bei der Belegschaft zu groß, kann das dazu führen, dass heimlich getrunken wird. Ein Alkoholverbot ist nur dann sinnvoll, wenn es für die Zielgruppe einsichtig ist und Verstöße mit eindeutigen Konsequenzen verbunden sind. Richtlinien können in der Betriebsvereinbarung oder dem Arbeitsvertrag geregelt werden.

Wie kannst du als Arbeitgeber*in Prävention betreiben?

Suchtprävention zielt darauf ab, alle Schäden (gesundheitlich, sozial und ökonomisch), die mit dem Gebrauch legaler und illegaler Substanzen sowie den Folgen süchtigen Verhaltens verbunden sind, vorzubeugen. Dadurch soll jeder Mensch die Chance haben, ein suchtfreies oder von Sucht so weit wie möglich unbeeinträchtigtes Leben zu führen.

Suchtprävention wird in der Praxis in zwei Bausteine unterteilt. Der Verhaltensprävention und der Verhältnisprävention.

Die Verhaltensprävention setzt auf die Stärkung der individuellen Ressourcen, indem die Eigenverantwortung, die Konfliktfähigkeit oder die soziale Kompetenz gefördert wird. Die Maßnahmen der Verhältnisprävention richten sich auf die Veränderung von sozialen Strukturen und dem Umfeld.

Langfristige Erfolge von Suchtprävention kommen durch eine ausdrückliche Formulierung der präventiven Maßnahmen im Rahmen einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung zum Ausdruck. Im Mittelpunkt derer stehen stufenweise Vereinbarungen, in denen der Umgang mit Suchtproblemen im eigenen Unternehmen festgehalten werden.

Ziele der Prävention sind zum Beispiel:

  • Das Thema enttabuisieren, die Möglichkeit geben, offen und sicher darüber zu sprechen,
  • Über Risiken von Suchtmitteln aufklären,
  • Die Einnahme von Suchtmitteln am Arbeitsplatz regulieren,
  • Auffälliges (Konsum-)Verhalten erkennen und thematisieren,
  • Suchtfördernde Arbeitsbedingungen ausmachen und verändern.

Infoveranstaltungen, Vorträge, Seminare und Schulungen dienen zur Aufklärung von Mitarbeitenden und sollen bei der Suchtprävention im Unternehmen regelmäßig eingesetzt werden. Eine Untersuchung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ermittelte, dass Unternehmen für jeden in die Suchtprävention investierten Euro mit einem potenziellen ökonomischen Erfolg in Höhe von 2,20 Euro rechnen können.

Die Unterstützung und Wertschätzung von Kolleg*innen kann bei der Bekämpfung einer Sucht von großer Bedeutung sein. Shutterstock, Photographee

Methoden zur Suchtprävention von Alkohol

  • Kein Spirituosenverkauf und -konsum im Unternehmen,
  • Alkoholfreies Bier in den Getränkeautomaten,
  • Konsequente Umsetzung des § 15 Abs. 2 DGUV-Vorschrift 1
  • Training der Vorgesetzten und Betriebsräte im Umgang mit gefährdeten und abhängigen Mitarbeiter*innen.

Auch innerhalb des betrieblichen Gesundheitsmanagements können verschiedene Kurse angeboten werden. Beispiele wären: 

  • Raucherentwöhnungskurse,
  • Suchtpräventionskurse,
  • Ernährungskurse.

Arbeitgeber*innen können im Allgemeinen gesundheitsfördernde Maßnahmen im Unternehmen etablieren. Prinzipiell sind einige Faktoren im Arbeitsumfeld hilfreich:

  • Ein angenehmes Umfeld, das ungestörtes und konzentriertes Arbeiten ermöglicht,
  • Zugang zu Information und Wissen (im Allgemeinen und auch zu Gesundheitsförderung),
  • Unterstützung und Wertschätzung.

Um dich bei der Intervention zu unterstützen, können verschiedene Akteure mit einbezogen werden. Darunter fallen die Betriebsinterne Hilfe, die Beauftragten für Suchtfragen oder die betriebliche Sozialberatung. Auch externe Beratungsstellen und ambulante Nachsorge wie bei:

  • Entgiftungseinrichtungen,
  • Stationäre Therapieeinrichtungen/ Fachkliniken für Suchtkranke, 
  • Selbsthilfegruppen, 

können bei der Behandlung von Suchtkranken Hilfe bieten.

Mit der psychischen Gefährdungsbeurteilung Risiken erkennen

Viele Faktoren, die eine Sucht begünstigen, lassen sich vorab durch eine Gefährdungsbeurteilung-Psychische-Belastung ausmachen. Diese sollte unbedingt ernst genommen und auch durchgeführt werden. Mithilfe von unserer Online-Gefährdungsbeurteilung hast du die Möglichkeit, ortsunabhängig Risikofaktoren, die deine Mitarbeitenden belasten, herauszufinden und kannst entsprechend handeln.

Auch kann der/die Betriebsarzt/Betriebsärztin in puncto Suchtprävention und Intervention zur Rate gezogen werden. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen bietet für Arbeitgeber*innen zusätzlich eine gute Möglichkeit, sich zu informieren und gibt Hilfe, wie man eine Intervention führen kann.

Die Deutsche Mittelstandsschutz unterstützt dich bei allen Fragen Rund um die Themen Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin. Mit unserer kostenlosen Software für Online-Gefährdungsbeurteilungen kannst du die Grundlage für eine rechtssichere Zukunft deines Unternehmens legen.

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Beitragsbild: Shutterstock, diy13

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